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Buchrezensionen Die Tagespost (8.10.2002)
Die Tagespost (8.10.2002)
"Die flächendeckende Seelsorge ist vorbei!"
Erzbischof Georg Eder: Priesterlose Sonntagsgottesdienste sind der äußerste Notfall
Von Stephan Baier
Salzburg (DT) Wer je eine Predigt von Georg Eder gehört hat, der weiß, was Leidenschaft ist. Schwer zu glauben, dass der dynamisch-kraftvoll wirkende Erzbischof von Salzburg bereits 74 Jahre alt ist, noch schwerer, dass ihm ein seltenes Nervenleiden immer wieder hart zusetzt. Während in Salzburg die Gerüchte um einen baldigen Wechsel an der Spitze der Erzdiözese schwirren, denkt der Erzbischof selbst an die Zukunft – weniger an die eigene, sondern an die der kirchlichen Seelsorge. Keine Anwandlung von Pessimismus ist da zu spüren, denn der Erzbischof setzt auf die Jugend, auf die jungen Priester zumal, auf die jungen Aufbruchsbewegungen in der Kirche. Sehr viel nüchternen Realismus beweist er jedoch zugleich, wenn er im Gespräch mit der "Tagespost" die Krise der traditionellen Seelsorge, des Religionsunterrichts und der Glaubensweitergabe in der Familie schonungslos analysiert.
In ihrem "Jahr der Berufung" mussten die österreichischen Diözesen ein Rekordtief an Priesterweihen verzeichnen. Der Priestermangel ist für Erzbischof Georg Eder weder durch die Aufhebung des Zölibats – "Dann hätten wir Teilzeit-Priester" – noch durch die Zulassung von Viri probati – "Das wäre nicht der große Fang!" – zu erreichen. Die tiefere Ursache des Priestermangels sieht Eder vielmehr im Mangel an wirklich chris! tlichen Ehen und Familien. Unumwunden sagt er: "Der Rückgang der Trauu ngen ist noch viel schlimmer, denn die Ehe ist der Urgrund jeder geistlichen Berufung. Von katholischen Ehen und Familien nehmen wir unsere Berufungen." Ohne ehrliche Bereitschaft zur Hingabe könne weder Ehe noch Priestertum gelingen. Das Verweigern der Hingabe und der Egoismus seien der wahre Grund des Priestermangels, nicht der Zölibat.
Trotz allem: Die Jungen sind wieder frömmer
Für Erzbischof Eder geht es aber nicht nur um die Zahl der Priesteramtskandidaten, sondern vor allem um deren Qualität. "Jedes Jahr klopfen mindestens doppelt so viele an unsere Türe, wie wir aufnehmen können", so seine zunächst überraschende Feststellung. "Verstörte und verwirrte Leute" seien darunter, solche, die aus der Welt zu fliehen versuchen und "die die nötige psychische Spannkraft nicht haben". Doch der Erzbischof von Salzburg weiß, dass sich in der schwieriger gewordenen Seel-sorge nur "gesunde junge Männer" bewähren können. Auf solche baut er beim Pries-ternachwuchs: "Eine neue Gen! eration wächst heran, die unbeschädigt ist von den nachkonziliaren Streitigkeiten und mit Papst und Bischof kein Problem haben." Diese junge Priester-Generation komme vor allem aus geistlichen Bewegungen, "fromm, manchmal überfromm, charismatisch". Mit dem gemeinsamen Propädeutikum der österreichischen Diözesen für die Priesteramtskandidaten in Horn habe man gute Erfahrungen gemacht, meint der Erzbischof von Salzburg.
Nicht viel hält er dagegen vom Wiener Experiment, die Alumnen vor allem in Lehr-Pfarreien auszubilden und damit die traditionelle Seminargemeinschaft zu beenden. Dies sei "ein großes Wagnis" und kaum revidierbar. Die Kandidaten würden sich so an das "pulsierende Leben" in den Pfarrgemeinden gewöhnen "und noch weniger studieren", befürchtet der Erzbischof von Salzburg. Gerade in Notzeiten sei es nicht ratsam, die bestehenden Gesetze und Traditionen zu ändern. Eder rät, in dieser Zeit der Krise am System des Priesterseminars festzuhalten.
Der rasche Schwun! d von Priestern und Gläubigen führt aber auch zu neuen Seel-sorgskonze pten. "Die flächendeckende Pfarrseelsorge ist vorbei!", meint der Erzbischof provokativ, um dann sofort ein Konzept zu entfalten, wie es anders gehen könnte. Eder denkt an Zentralpfarreien, besetzt mit zwei bis drei Priestern, denen fünf oder sechs weitere "Außenpfarreien" zugeordnet sein sollen. Alle Pfarrhäuser sollten aufrecht bleiben und mit einem Ansprechpartner ausgestattet werden.
Gleichzeitig müsse den Pfarrern die Verwaltungsarbeit weitgehend abgenommen werden. In jeder Pfarrei müsste zunächst eine sonntägliche Eucharistiefeier gesichert werden. Priesterlose Wortgottesdienste kann sich Erzbischof Eder an Wochentagen sehr gut, an Sonntagen aber nur im extremen Notfall vorstellen. Sollte sich wieder ein stärkerer Priesternachwuchs einstellen, dann sei dieses System jederzeit revidierbar, weil keine Gemeinde aufgelöst werde. Für den Einsatz ausländischer Priester ist der Erzbischof dankbar, meint aber gleichzeitig, dass eine wirkliche Gesundung nur durch einen genüg! enden Nachwuchs aus dem eigenen Volk geschehen könne. Den Dauereinsatz ausländischer Priester hält er nur für eine Notlösung, nicht aber für ein Zukunftskonzept.
Langsam kommt der religiöse Hunger
Sorge bereitet dem Erzbischof von Salzburg auch die Glaubensweitergabe in Familie und Schule. In der Sakramentenpastoral müsse man oft "ganz von vorn anfangen" und den Glauben jenen vermitteln, die um ein Sakrament bitten. Eder spricht sich deshalb für eine längere und tiefere Ehevorbereitung aus. Bei der Taufe werde von den Eltern das Bekenntnis zur Glaubensweitergabe an ihre Kinder verlangt: "Sie sollen etwas tun, was sie nicht können. Wir überfordern die Eltern." Deshalb unterstützt der Erzbischof nun die Herausgabe eines achtbändigen Religionsbuches, das sowohl für die Vermittlung von Glaubenswissen in der Schule als auch für die Familien-Pastoral geeignet ist.
Bezüglich der jetzigen Religionsbücher sagt der Erzbischof, sie seien pädagogisch hochqualifiziert, aber dünn! im Glaubensinhalt. "In der bischöflichen katechetischen Kommission ha ben sich die Bischöfe nie durchsetzen können gegenüber den Schulamtsleitern und Buchautoren." Die Bischöfe, so meint Eder, haben einem Lehrplan für den Religionsunterricht zugestimmt, den sie nicht hätten billigen dürfen. Der Erzbischof kritisiert zugleich, dass die Religionslehrer zwar hervorragend pädagogisch und didaktisch ausgebildet würden, was aber auf Kosten des Inhalts gehe. Dasselbe Problem gebe es an den theologischen Fakultäten.
In der Sakramentenpastoral sieht der Erzbischof von Salzburg einen "Riss in der Kirche". Es gebe zwei Richtungen, die nicht mehr konvergieren. "Dies ist besonders in der Ehepastoral augenscheinlich." Eder setzt seine Hoffnungen auf die Jugend. "Langsam kommt der religiöse Hunger!" Die Weltjugendtage, die Aufbrüche in den verschiedenen geistlichen Bewegungen bestärken ihn in der Ansicht, dass es "schon wieder aufwärts" geht. Über diese Aufbrüche, die meist nicht in den Pfarrgemeinden entstehen und sich dort oft auch nicht beheimaten, würd! en auch die Pfarrer bald sehr froh sein, ist der Erzbischof überzeugt. Er selbst will sich um eine Balance bemühen: die territorialen Seelsorgsstrukturen verändert zu erhalten – und gleichzeitig geistliche Zentren zu schaffen, die eine überpfarrliche Ausstrahlung entfalten.
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